Wir müssen über "Kiweno" reden

Ich weiß wie und wie sehr mich Werbung und Marketing beeinflussen. Und ich weiß, dass mich das Wissen darüber nicht immun dagegen macht. Und trotzdem bin ich immer wieder schockiert, wenn mir bewusst wird, dass dies wieder passiert ist.

Gestern hat das "StartUp" Kiweno bei der österreichischen StartUp-Show #2Min2Mio ein Investment (ich weiß es ist Mediavolumen, aber das ist eine ganz andere Debatte) von 7 Mio abgeräumt. Ziel ist es grundsätzlich (Blut-)Testungen mehr oder minder selbst durchführen zu können, also zu Hause ein paar Tropfen Blut abnehmen und dann ins Labor schicken. Ein schönes Ausrufezeichen für die österreichische StartUp Szene, wenn da das "wenn" nicht wär...

Vor einigen Monaten bin ich schonmal über Kiweno gestolpert. Schöne Website, gutes Branding, nette Idee. Während der Show vernahm ich dann die ersten kritischen Stimmen und ließ mich aufklären

Es geht um den Test der angeblich Nahrungsmittelunverträglichkeiten feststellen kann. Nach kurzem googeln ist klar: Das Ding ist alles andere als unumstritten.

Wer's ein bisschen genauer wissen will, der kann sich in den Kommentaren unter diesem Facebook Posting die verlinkten Studien anschauen (Georg Molzer ist CTO und Co-Founder von Kiweno).
In diesem Brutkasten-Live-Interview konnte die Geschäftsführerin Bianca Gfrei auch nicht mit sonderlich mehr Argumenten punkten. "Es sei im Interesse der Allergologen, dass IgG-Tests unter Kritik stehen" und "Wir bekommen positive Rückmeldungen von unseren Kunden" sind weder wissenschaftliche noch glaubhafte Beweise für die tatsächliche Verlässlichkeit dieser Tests.

Ich hab keine Ahnung von Medizin, aber alles was ich bisher zu diesen Tests gelesen habe, deutet stark darauf hin, dass diese vollkommen unzuverlässig sind.

Was man aber auf jeden Fall sagen kann ist, dass Kiweno das Produkt extrem dreist und unehrlich vermarktet. Denn bewiesen ist die Verlässlichkeit des Tests keinesfalls, die Bewerbung auf der Website mit "Sichere Analyse" und "garantiert sichere Ergebnisse" ist also vollkommen daneben. Was mich zudem verwundert hat ist die unglaublich schwere Auffindbarkeit des Testnamens. Erst nach mehreren Klicks erfährt man auf der Website des Labors, dass der durchgeführte Test eben dieser umstrittene IgG-Test ist. Bei aller Liebe: Das sieht sehr nach Verschleierung der Tatsachen aus.

Kiweno bietet auch noch einen zweiten Test an. Der Histaminintoleranz-Test. Dieser wird laut Aussage von Bianca Gfrei von der Krankenkasse übernommen (ich konnte dazu online nix finden), wenn man ihn "normal" machen lässt (auf Kiweno kostet er 39€). Ob es dann so sinnvoll ist ihn ohne Hinweis darauf auf der Plattform anzubieten ist eine andere Frage. Menschen eventuell das Geld aus der Tasche zu ziehen, nur aufgrund von Unwissenheit, find ich ja eher uncool.

Auf der Austrian StartUp Pinwall gab es relativ heftige Kritik. Einige versuchten dies als die "Neid-Kultur" der Österreicher*innen abzutun. Das finde ich unfair. Es geht hier um die Gesundheit von Menschen, und um die Ernährung. Damit ist einfach nicht zu spaßen und vor allem gilt es keine falschen Warnungen auszusprechen. Falsche Analysen können die Lebensqualität von Menschen negativ beeinflussen. Ich habe mittlerweile das Gefühl Kiweno ist so sehr auf Gewinn fixiert, dass das "StartUp" eine Menge an moralischen Grundsätzen über Bord wirft, nur um das eigene Wohl zu puschen. Und dass sowas von der österreichischen StartUp Szene kritisiert wird, ist hoffentlich für jeden nachvollziehbar. Falsche Spieler können den Ruf einer ganzen Branche ruinieren. Ich lese die Austrian StartUp Pinwall regelmäßig und hatte noch selten das Gefühl, dass dort viele Neider unterwegs sind, ganz im Gegenteil.

Für mich persönlich erschreckend ist, wie gut Branding und Design der Firma sind. Dies sind zwei Faktoren die für mich immer eine wesentliche Rolle spielen. Auf einer modern designten Website klicke ich viel schneller mal auf den "Kaufen"-Button, das weiß ich. Oft funktioniert das auch ganz gut. Firmen die Wert auf die Qualität ihrer Website legen, legen oft auch Wert auf die Qualität ihrer Produkte. Doch bei Kiweno wäre ich nichtmal auf die Idee gekommen die Verfahren zu hinterfragen. Es ist wohl wiedermal Zeit für ein bisschen Selbstreflektion.

Onatcer
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20, Mensch des Planeten Erde, amateur photographer, blogger, @soulbottles volunteer
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