Silvesterliche U-Bahn-Grüße aus dem Himmel

Die Tage ziehen ins Land und schön langsam fängt man sogar fast an sich mit dem veränderten Zustand der Jahreszahl in verschiedensten Datenformaten zu gewöhnen. Und obwohl der erst frühen Momenten diesen neuen Jahres, ist schon jetzt absehbar welche Thematik uns in den nächsten Monaten, in den nächsten Jahren, sagen wir der Einfachheit halber einfach "in nächster Zeit" beschäftigen wird. Durch die tragischen Ereignisse, die sich in Frankreich ereignet haben, ist die Debatte rund um Religionen, Integration, Akzeptanz und (Presse-)Freiheit wieder allgegenwärtig. Parallel dazu kreuzt noch die PEGIDA-(oder wie sie sich in den unterschiedlichsten deutschen Bundesländern nennen mögen)-Bewegung die Geschehnisse, e sich zu einer sehr unvorteilhaften Kombination weiterentwickeln könnte… Achja wenn es nach der Frau Le Pen geht, reden wir übrigens auch wieder darüber die Todesstrafe einzuführen.

Aber die Geschehnisse, über die ich eigentlich schreiben wollte, haben nur eine etwas verschwommene Verbindung zu den aktuellen Ereignissen (aber hey, ich brauch halt irgendeine Einleitung). Der Abend vor diesem Jahresbeginn - mit diesen schrecklichen Ereignissen (Redundanz ftw!) - ist bekannt dafür, dass Sinneswahrnehmungen und Erinnerungen aus diversen Gründen nicht mit der gewohnten Zuverlässigkeit übermittelt werden. Manchmal kommen mir aber so gute Ideen, wie sich Notizen zu machen und somit sind die Ereignisse mit einer nicht allzu geringen Wahrscheinlichkeit als relativ korrekt zu bezeichnen.

Das U-Bahn-Netz Wiens, welches mich zu einem recht kurz gehaltenen und einem relativ frühem Zeitpunkt stattfindenden Besuch des örtlichen “Silvesterpfad” bringen sollte, war - genau wie die Veranstaltung selbst - mit weniger Menschen gefüllt, als ich vermutet und befürchtet hatte (Igitt, Menschenmassen). Nach wenigen Stationen steigt ein Mann in die U-Bahn ein und erhebt seine Stimme. Diese Verhaltensweise lässt sich im täglichen Betrieb eher bei Betrunkenen oder jenen die nicht verstehen, dass die restlichen Menschen in dem Wagon keinerlei Interesse an privaten Telefon-Konversationen haben, beobachten. Was allerdings aus dem Mund des Mannes kam untertraf von der Sinnhaftigkeit aber noch die meisten privaten Konversationen, welche man durch das Vergessen von Kopfhörern doch gelegentlich mitbekommt.

“Ihr habt den rechten Pfad verloren” (nein das hat ausnahmsweise nichts mit der FPÖ zu tun)

“Ihr habt Gott enttäuscht. So wie ihr jetzt lebt, wird er euch nicht in den Himmel lassen”

“Der Islam, die Zeugen Jehovas etc. sind keine Lösung. Nur Gott ist die Lösung”

Verstörte Blicke flogen durch den Raum und ich war nicht der Einzige, der sein Lachen unterdrücken musste und damit wirkliche Schwierigkeiten hatte. Auch darauf ist wohl die Tatsache zurückzuführen, dass ich mich nicht darauf konzentrieren konnte mir eine passende prägnante Antwort einfallen zu lassen, welche ich dem netten Menschen, der uns mit seinen christlichen Androhungen zwangsbeglückte, entgegenwerfen hätte können. So plötzlich wie der Spuk begann war er auch wieder verschwunden. Ich mutmaße, dass ihm von der Ankündigung der Apokalypse nur die nächste Station und damit das Vorhaben auszusteigen, um noch mehr Menschen mit seiner wichtigen Mitteilung zwangszubeglücken, abhielt.

Es sind viele Fragen die mir danach im Kopf herumschwirren. Was bringt Menschen dazu solch ein Gedankengut anderen Menschen aufdrängen zu wollen? Was gibt ihnen die Sicherheit, dass auch nur eine Zeile die in der Bibel steht der Wahrheit entspricht? Offensichtlich sind sie ja vollkommen überzeugt von der Richtigkeit, sonst würde wohl keiner in die U-Bahn steigen und solch Dinge durch die Gegend schreien. Ist ihnen bewusst, dass sie damit die Religionsfreiheit, jenen Teil der Menschenrechte, der ihnen überhaupt ermöglichen soll ihren Glauben auszuleben, verletzen und damit in einen ziemlichen Gewissenskonflikt geraten? Rechtfertigt der Glaube, jemand anderen zu drohen? Was muss ich noch ertragen um jemanden nicht in seiner Religionsfreiheit einzuschränken? Wie geht man mit Menschen um die meinen sie hätten eine Gotteserscheinung gehabt? Wie viel Respekt müssen mir - einem Ungläubigen - Gläubige entgegenbrigen?

Die wohl beruhigendste Variante wäre für mich, dass er eine Wette verloren hat…

Onatcer
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20, Mensch des Planeten Erde, amateur photographer, blogger, @soulbottles volunteer
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