Geradewegs gegen Rechts | Was die Ars Electronica noch lernen muss

Schieben wir nur für einen kurzen Moment beiseite, dass uns die gestrige Landtagswahl in Oberösterreich bewiesen hat, dass offenbar jede*r dritte Oberösterreicher*in ein*e vollkommene*r - ich war geneigt hoffnungsloser zu schreiben, aber irgendwie bin ich wohl noch immer naiv genug die Hoffnung nicht vollkommen aufzugeben - Vollidiot*in ist. Und schieben wir auch kurz beiseite, was das für die Wienwahlen in 2 Wochen bedeutet und wie extrem negativ sich diese ganze Situation auf - bestimmt nicht nur - meine Stimmungslage auswirkt. Denken wir kurz etwas größer, etwas abstrahierter, etwas allgemeiner.

Ironischerweise beginnt dieser allgemeine Part sehr konkret. Wie jede andere Partei auch, hat die FPÖ eine Wahlparty - zugegeben, bei allen anderen Parteien wurde da wohl wenig gefeiert und daher ist das Wort Party eventuell unangebracht - abgehalten. Der Standort dieser hat allerdings nicht nur mich überrascht, nein das ist nicht das richtige Wort: enttäuscht? Erzürnt, ja das trifft es besser. Das Ars Electronica Center war das Gebäude in dem der rechtsextreme Zusammenschluss - der sich öffentlich als Partei bezeichnet - die hohen Zugewinne feiern durfte. Ich möchte - auch wenn ich es für nicht ganz unwahrscheinlich halte - der FPÖ nicht vorwerfen, dass man die Lokalitäten angemietet hat, um auch zu provozieren, aber die Reaktionen aus der linken Szene waren erwartungsgemäß empört. Fast schon selbstverständlich begann das ganze auf Twitter seine Verbreitung zu finden, worauf der Ars Electronica Account mit vorgefertigten Textbausteinen beruhigen wollte, was naturgemäß nicht funktionierte.

Dankenswerterweise lässt die Ars Electronica Facebook-Page auch Posts auf ihre FB-Seite zu, also entschloss ich mich kurzerhand auch dort meiner - ohnehin durch die katastrohphalen Wahlergebnisse verstärkten - Unmut Luft zu verschaffen. Das funktionierte überraschend gut und mit viel weniger Gegenwind als ich erwartet hatte. Kommentare die das ganze als lächerlich bezeichneten, oder mich als Hetzer - hach diese Ironie - gegen die FPÖ bezeichneten, blieben zumindest am Anfang aus. Überraschend viele Menschen kündigten auch in den Kommentaren an sich künftig vom Ars Electronica Center fern zu halten - da man solche Aktionen nicht unterstützen wolle - was mir zugegeben doch etwas Hoffnung in die Oberösterreicher (Generalisierungen olé) zurückgab.

Wieso bitte lasst ihr rechtsextreme Parteien bei euch im Gebäude feiern?!

Posted by Gregor Onatcer on Sunday, September 27, 2015

Aber nach einiger Zeit kamen sie selbstverständlich die Hetzer - oder zumindest Hetzer-Unterstützer, und macht sie das nicht in Wirklichkeit auch zu Hetzern? - die mich als Hetzer oder "Hater" (Achievement unlocked!) bezeichneten und das Problem als "#firstworldproblem" herunterspielten. Und ja du Volltrottel der das geschrieben hat, es ist ein First-World-Problem, aber das liegt hauptsächlich daran, dass es dieses Problem ohne Demokratie nicht geben würde.

Wieso ist es wichtig, dass sich Firmen von Rechts distanzieren?

Firmen sind mittlerweile viel mehr geworden als reine Dienstleister. Sie bestimmen unseren Alltag, unser Leben und unsere Entscheidungen. Viele Firmen und Branchen betreiben mittlerweile starkes Lobbying und haben damit einen massiven Einfluss auf die Politik und damit auch auf unser aller Leben. Wenn wir wählen ein Produkt zu kaufen, oder eine Dienstleistung in Anspruch zu nehmen, unterstützen wir also nicht nur eine Firma finanziell sondern sorgen auch dafür, dass die Ideale die diese Firma vertritt gestärkt werden. Und bevor das Argument aufkommen könnte: Es gibt keine Firma ohne Ideale oder politische bzw. gesellschaftliche Positionierung. Allein mit der Entscheidung woher man die Rohstoffe/Produkte zur Weiterverarbeitung bzw. zum Weiterverkauf einkauft, wie man seine Mitarbeiter bezahlt, welche internen Strukturen man etabliert hat und natürlich auch welche Produkte man anbietet, positioniert man sich. Firmen sind nicht mehr nur dieses reine Anbieterkonstrukt - auch wenn dies vielleicht viele wollen würden - und wir sollten eigentlich viel stärker darüber nachdenken was wir wo einkaufen, denn mit jedem Einkauf setzen wir ein Statement, unterstützen wir etwas oder wenden uns gegen etwas anderes. Das sollte uns bewusst sein.

Bestimmt würde mir nun irgendein Firmenchef entgegnen "Wir sind vollkommen objektiv", aber die Existenz absoluter Objektivität ist einfach ein Irrglaube und ist auch nicht wirklich wünschenswert. Jeder hat doch irgendwelche Einstellungen und Ideale, können wir es dann nicht auch als positiv erachten, dass wir diesen sogar durch unsere Konsumgesellschaft Ausdruck verleihen können (selbst wenn wir gegen die Konsumgesellschaft sind!)?

Ars Electronica Center CC-BY Konstantinos Dafalias auf Flickr

Die Ars Electronica entgegnete der Empörung damit, dass auch schon andere Parteien in den Räumen der Ars Electronica Veranstaltungen abgehalten hatten. Das ist ja schön und gut, allerdings ist die FPÖ keine Partei wie jede andere und wir sollten aufhören sie als solch eine zu behandeln. Welche dieser anderen Parteien betreibt rechtspopulistische Politik? Von welcher der anderen Parteien werden regelmäßig "bedauerliche Einzelfälle" bekannt, die mit der rechtsradikalen Szene zu tun haben? Welche anderen Parteien rutschen ständig zweideutige Anspielungen auf die Nazi-Zeit heraus? Rassismus ist kein Kavaliersdelikt und die Behauptung, dass die FPÖ keinen Rassismus betreibt kann in etwa so einfach widerlegt werden wie die These, dass die Erde eine Scheibe sei. Und wenn man Dienstleistungen für eine "Partei" zur Verfügung stellt, die offen für Rassismus einsteht, dann unterstützt man effektiv die Verbreitung von Rassismus.

Wie müssen wir mit Rechten umgehen?

Was man in Diskussionen mit Rechten/FPÖ-Wähler*innen oft zu hören bekommt, ist, dass es ihre Meinungsfreiheit ist. Dazu erstmal ein - mittlerweile recht bekanntes - XKCD:

XKCD Free Speech

Ich muss niemanden akzeptieren, der für Rassismus einsteht und ich werde das nicht tun, wieso sollte ich auch? Politik wie sie die FPÖ betreiben will tötet effektiv Menschen. Wie kann man für sowas einstehen? Wie kann man sowas unterstützen? Wieso sollte ich das akzeptieren? Normalerweise sollte sich die Frage gar nicht stellen, ob man diese Meinung akzeptieren muss, diese Meinung dürfte es gar nicht geben! In welcher Welt leben wir in der wir uns gegenseitig den Tod wünschen. Ein Mensch einem anderen!

Auch ich habe lange nicht verstanden, warum viele Leute so abwertend mit Rechten diskutieren und man nicht versucht sie umzustimmen. Etliche Diskussionen später fange ich an nachzuempfinden, wieso dies so ist, auch wenn ich nicht sicher bin, ob dies der beste Weg ist: Fast alle FPÖ-Wähler mit denen ich jemals diskutiert habe sind einfach unheimlich ignorant. Sie versuchen nichtmal außerhalb ihrer Komfortzone zu denken. Sie kommen 10 mal mit dem gleichen dummen Argument wieder, obwohl man dies schon 10 mal entkräftet hat. Sie wollen oft einfach nicht verstehen, dass die Lösung ein bisschen komplexer ist als jene die ihnen vom heiligen HC präsentiert wird. Es ist einfach, nicht über andere Menschen nachzudenken, es ist einfach, sich einen Dreck um die tausenden Toten im Mittelmeer zu scheren, es ist einfach, zu vergessen was auf der Welt vor sich geht und in seiner eigenen kleinen friedlichen Welt zu leben bis man irgendwann verreckt. Das System wird schon durchhalten bis ich das Zeitliche segne, wieso über die Nachkommen Gedanken machen? Sind das also nun die Ideale nach denen ihr leben wollt? Wacht auf und traut euch verdammt nochmal eure Überzeugungen zu hinterfragen, das ist wichtig, das sollten wir alle regelmäßig tun, sonst bleiben wir stecken.

FPÖ Plakat CC-BY FPÖ artyfucked auf Flickr

Daraus resultiert mehr und mehr eine persönliche Abwertung jeglicher FPÖ-Wähler zu Idioten. Wie kann ich Menschen auch nur halb-ernst nehmen die eine rassistische Partei unterstützen? Genau: Es geht nicht. Und überhaupt ist es doch so: Wenn wir beginnen Rechtsextreme so zu behandeln als wäre ihr Standpunkt auch nur annähernd vertretbar, haben sie gewonnen. Doch sie sind ein Teil des Systems, ein Teil des Systems Demokratie. Sie haben also Einfluss auf uns ob wir wollen oder nicht. Die Demokratie ermöglicht es erst, dass Populismus und insbesondere Rechtspopulismus funktioniert. Man muss also die ganz grundlegende Frage stellen: Wenn Populismus funktioniert, ist diese Gesellschaft dann bereit für Demokratie?

Wie steht's um die Demokratie?

Demokratie, ein System indem Mehrheiten über Minderheiten entscheiden können und welches weitläufig als beste derzeitig ausgeführte Regierungsform gilt. Wer sich schonmal Gedanken darüber gemacht hat, dem sind die Schwächen sicherlich bewusst, aber was ist die Alternative? An die Kommunisten: wenn nichtmal Demokratie funktioniert, viel Spaß mit Kommunismus. Das fundamentale Ziel kann - nach dieser Schlussfolgerung - ja eigentlich nur eine bessere Aufklärung der Bevölkerung sein. Bessere Bildung, eine offenere Gesellschaft, gegenseitige Akzeptanz...

Ihr wollt also wissen wieso ich mich über Wahlveranstaltungen in der Ars Electronica aufrege? Weil es wichtig ist dagegen zu sein. Wir müssen Zeichen setzen, wir müssen aufzeigen, wenn Rechtsextremismus unterstützt wird und dagegen ankämpfen, was hat unsere Gesellschaft sonst für eine Chance? Darum ist es wichtig sich über solche Dinge aufzuregen die für viele Menschen lächerlich wirken. Oder um Marc-Uwe Klings Känguru zu zitieren: "Es ist ein ewiger Kampf!"

Und was machen wir in der Zwischenzeit um damit umzugehen? Ich kann nur für mich sprechen, aber für mich funktioniert folgende Methode nach niederschmetternden Wahltagen ganz gut: Das Kameraequimpent wird alibihalber zusammengepackt - obwohl ich ganz genau weiß, dass ich es keinesfalls benutzen werde - die Jacke angezogen und die Kopfhörer nicht vergessen. Der durch die Kopfhörer isolierte Gang durch die Wiener Innenstadt wird durch den kalten Wind der mir ins Gesicht schlägt begleitet und die Schrittgeschwindigkeit variiert je nachdem welcher Rock-Song gerade laut durch Kopfhörer schallt. Als netten Seiteneffekt teilt mir die App gerade mit, dass ich mein tägliches Schrittziel erreicht habe, während "I don't want to be here anymore" beim Einbiegen in meine Gasse ertönt. Wie passend.

Es gibt auch einen VICE-Artikel zu der "Ars Electronica"-Kritik: https://noisey.vice.com/alps/blog/ars-electonica-fpoe-987

Onatcer
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20, Mensch des Planeten Erde, amateur photographer, blogger, @soulbottles volunteer
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