Der TU-Aufnahme-Test: Pleiten für alle!

Die TU Wien hat heute ihre Informatik-Aufnahmeprüfung durchgeführt. Was bleibt sind Pleiten, Pech und Pannen. Vor allem aber Pleiten, und zwar für alle Seiten.

(Tipp für die ITler*innen: Im 2. Teil des Blogposts gibt's ein paar falsche Fakten zum Aufregen)

Allgemein

Wieso ist die Aufnahmeprüfung eine Bankrotterklärung des österreichischen Hochschulsystems - vor allem - aber nicht nur in der Informatik? Wie gut ein*e Student*in in einem Bereich werden wird, lässt sich unmöglich durch einen 120-minütigen Test feststellen und nein es lassen sich auch nicht jene herausfiltern, die es sowieso nicht schaffen würden. Das liegt zuallererst daran, dass potentielle Student*innen schon im Vorhinein abgeschreckt werden. Menschen mit weniger Selbstbewusstsein (wovon man ja ganz offensichtlich nicht auf die Qualifikation o.ä. schließen kann) melden sich erst gar nicht an. Ihnen wird die Chance genommen einen Bereich auszuprobieren, der sie vielleicht in späterer Folge sehr erfüllen könnte. Brutal formuliert: Es wird ihnen ein Teil ihrer Lebensqualität genommen. Nicht erst einmal habe ich jetzt in Diskussionen rund um die TU Zugangsbeschränkungen gelesen, dass mittlerweile erfolgreich in der Wirtschaft tätige ITler*innen erst gar nicht ein TU Informatik Studium probiert hätten, hätte es damals schon einen Aufnahmetest gegeben. Allein das sollte schon zu denken geben! Wenn wir es nichtmal schaffen jedem*r die Möglichkeit zu geben einen Bereich für sich selbst auszuprobieren, was ist dieses System dann überhaupt noch wert? In einer Welt in der Selbstbewusstsein einen überproportional hohen Stellenwert genießt, ist es unverantwortlich diese Eigenschaft auch noch in Bildung/Ausbildung zu forcieren.

Auf der anderen Seite sind jene die den Test gemacht haben, dann aber aus dem Verfahren ausscheiden werden (nach derzeitigem Stand sind es etwa 70, dazu am Ende noch mehr). Die Eignung jener wird aufgrund eines Tests beurteilt der nach keinerlei Erfahrungswerten geschrieben worden sein kann und mit Sicherheit nicht die Eignung als ITler*in (oder für sonst irgendeinen Job) abprüfen kann. Wäre dem so wären in der Wirtschaft auch nur schriftliche Tests für die Einstellung üblich und man würde nicht mit Konzepten wie Schnuppertagen oder Probemonaten arbeiten.

Speziell auf den Informatik-Bereich bezogen ergeben Zugangsbeschränkungen noch zusätzlich keinen Sinn. Die Welt wird digitalisiert und automatisiert, eine Steigerung der benötigten Angestellte im Informatik-Sektor ist daher unumgänglich. Dass Informatiker*innen erst vor Kurzem auf die Liste der Mangelberufe gesetzt wurden, ist nur die Spitze des Eisbergs. Dies wird sich auch in den nächsten Jahren nicht ändern, wenn nicht ernsthafte Maßnahmen für eine bessere Ausbildung (auf mehreren Ebenen: Hochschulen, HTLs und auch im Grundwissen für AHS Ober- und Unterstufe) gesetzt werden. Hier kein Geld in die Hand zu nehmen ist nicht nur fahrlässig, sondern auch aus rein wirtschaftlicher Sicht vor allem eines: Dumm! Die jetzt ausgegebenen Kosten werden sich hundertfach von alleine zurückzahlen. Nicht in die Ausbildung von IT-Arbeitskräften zu investieren ist, als würde man den Kauf einer Apple Aktie vor der Präsentation des ersten iPhones ablehnen, obwohl man die künftige Erfolgsgeschichte noteriell beglaubigt schwarz auf weiß vor sich liegen hat.

Die TU-Rektorin kritisiert in diesem Presse-Interview, dass zu viele Student*innen abspringen. Gerade in der Informatik ist die Zahl der Drop-Offs (die direkt in die Wirtschaft wechseln) sehr hoch. Wie dieses Problem allerdings mit noch weniger Student*innen gelöst werden soll, bleibt die Rektorin schuldig. Ich darf dem offensichtlichem vorgreifen: Kann es nicht. Gerade wenn sowieso eine solch starke Selbstselektion stattfindet (die vor allem der TU selbst zu denken geben sollte) ist es doch sinnvoller mehr Leute aufzunehmen, um schlussendlich auch mehr Absolvent*innen zu haben. Es spricht nichts dafür, dass die Absprungquote nach Aufnahmetests geringer ausfallen sollte als bisher.

Das Lernmaterial

Obwohl von Seiten der TU immer wieder in diversen Aussendugen beteuert wurden, für den Test seien keine Informatik-Kentnisse vonnöten und es werden auch keine Schultypen bevorzugt, wurde als Prüfungsstoff (der vmtl. etwa 25% der zu erreichenden Gesamtpunkteanzahl ausmachte) ein Buch gegeben, das einen Querschnitt durch einige Grundlagen der Informatik (Sortieren & Suche, Netzwerke, Fehlerkorrektur, Verschlüsselung etc.) abdeckte. Dadurch trifft weder zu, dass man keine Vorkentnisse haben muss oder diese von Vorteil sind (VOR dem Test muss man sich diese ja aneignen) noch, dass gewisse Schulen nicht bevorzugt wurden (in HTLs wurde dies zumindest teilweise unterrichtet). Und das alles sage ich obwohl oder vielleicht auch weil ich HTL Absolvent bin.

Für mich persönlich noch erschreckernder waren allerdings das Lehrmaterial selbst (Teile des Buches "Abenteuer Informatik"), welches nicht nur durch seine total kindliche Erklärweise auffiel (unter anderem wurden ständig Metaphern mit Prinzessinnen, Räubern, Helden und Königen gebraucht), sondern auch inhaltlich einige Fehler beinhaltete, bei denen es mir als IT-HTL-Absolvent die Zehennägel aufstellt.


Hier noch ein Beispiel für die kindliche Erzählweise:

Könige sind rar geworden! Die Schatzkammern sind Bankkonten gewichen und die stehen meistens unter der starken Überwachung der Parlamente. Prinzessinnen sind emanzipiert und lassen sich nicht mehr so leicht von bösen Räubern entführen.


Auf die gleiche Weise funktioniert das Internet. Jeder Computer ist eindeutig anhand einer Zahlenkombination identifizierbar: Es handelt sich um vier Nummern zwischen 0 und 255, die meistens mit Punkt getrennt dargestellt sind, zum Beispiel 130.83.242.159. Die ganze Kombination nennt man IP-Nummer oder IP-Adresse.

Diese Aussage ist schon lange nicht mehr gültig. In IPv4 (dem aktuell häufigst verwendetem Protokoll für IP Adressen) stehen nichtmal genügend IP Adressen zur Verfügung um jedem Computer auf der Welt eine einzigartige zuzuweisen. Diese Information ist also vollkommen falsch. Abgesehen davon, dass ich noch nie eine*n ITler*in IP-Nummer sagen habe hören.


Tatsächlich muss natürlich jeder seine eigene IP-Adresse kennen. Hinzu kommt die Information, dass sich alle Computer mit gleichen ersten drei Zahlen in der IP-Adresse im selben Netzwerk befinden und man sie direkt ansprechen kann.

Auch diese Aussage ist vollkommen falsch. Mit wem ein Computer in einenem Netzwerk direkt kommunizieren kann hängt von der Subnetmask ab. Diese kann allerdings anders als hier geschrieben viele verschiedene Formen annehmen. Man kann ein Netzwerk also theoretisch auch so einrichten, dass für Computer im gleichen Netzwerk nur die ersten beiden "Zahlen" gleich sind und jene dahinter beliebig (ich werde hier nicht zu sehr ins Detail gehen, alle die Grundlagen der Netzwerktechnik verstehen, wissen was gemeint ist, alle anderen müssen mir hier wohl oder übel glauben)


Rumpelstilzchen möchte im Märchen seinen Namen um jeden Preis verbergen. Genau das Gegenteil trifft auf die Computer im Internet zu – fast jeder Internet- Teilnehmer hat heute zusätzlich zur IP-Nummer noch einen IP-Namen.

Nicht nur, dass die Aussage von der eindeutigen IP-Adresse nochmals bekräfrigt wird, auch wird der Begriff "IP-Name" in den Raum geworfen, was sich später als Domain herausstellen sollte, und absolut der falsche Begriff ist.


Die gesamte Kommunikation im Internet beruht darauf, dass eine IP-Nummer bzw. ein IP-Name ganz eindeutig einem einzelnen Computer zugewiesen ist. Nur auf diese Weise können Nachrichten gezielt an den Adressaten zugestellt werden.

Zum dritten mal die Bekräftigung der falschen eindeutigen IP-Adressen und zusätzlich die falsche Behauptung, dass IP-Namen (eigentlich Domains genannt) nur einem einzelnen Computer zugewiesen werden können. Auch wird angedeutet, dass nur eine Domain jeweils auf eine IP-Adresse (bzw. einen Computer) zeigen kann, was auch falsch ist, da hier das weit verbreitete Konzept von Virtual Hosts ignoriert wird. (von einem Server lassen sich ohne Probleme mehrere Websites mit eigenen Domains betreiben)


Ich kann nicht garantieren, dass das alle Fehler waren, aber allein diese reichen um ernsthaft in Frage zu stellen, ob irgendeine fachkompetente Person an der TU Wien diese Prüfungsmaterialien im vorhinein durchgelesen und überprüft hat. Solch einen Blödsinn auszuhändigen und als Teststoff zu verkaufen grenzt an eine Frechheit! Dem Buch selbst muss man eventuell zu Gute halten, dass die Auflage von 2012 ist und einige dieser Dinge vielleicht 2012 tatsächlich noch so praktiziert wurden, oder zumindest vielleicht nicht als vollkommen falsch angesehen werden konnten. Dies verbessert aber in keinster Weise die Situation die dieser Teststoff schafft.

Der Test

Der Test selbst war in 2 Teile gegliedert:

  • Fragen zum vorher angeführten Buch, Fragen zu einem englischen sowie einem deutschen vorgelegtem Text
  • Allgemeine Kombinations, Zahlenreihen, etc. Beispiele wie man sie aus einem IQ-Test kennt

Einerseits ist hier die Zeit zu kritisieren, die für die Beantwortung der Fragen zur Verfügung stand. Nur wenige (viele aus meinem ehm. HTL-Jahrgang waren anwesend) haben den gesamten Test ohne ziemlichen Stress zu Ende hin fertigstellen können. Und ich weiß jetzt genau was kommt: Ja an der Uni und VOR ALLEM als ITler muss man doch auch in Stresssituationen schnell arbeiten können. Wisst ihr was: Ja, aber... die Testresultate so stark von diesem einen Faktor abhängig zu machen ist vollkommener Blödsinn. Je nachdem welchen Weg man später einschlagen wird, kann es auch sein, dass solche Stressituationen der massive Ausnahmefall sind. Und was noch stärker dazukommt: Durch korrektes und strukturiertes Arbeiten im Vorhinein können viele dieser Situationen verhindert werden. Und wenn wir uns ganz ehrlich sind: Wie viele IT-Projekte verlaufen wirklich nach Zeitplan und werden nicht etliche Male aufgeschoben. Man verschafft Menschend die konzentriert und in einer etwas langsameren Geschwindigkeit arbeiten also einen massiven Nachteil (gerade das schnelle Abarbeiten von Prozessen wollen wir ja eigentlich sowieso auf Computer auslagern). Wer schneller ein Muster in einem Bild, Text oder in einer Zahlenreihe entdeckt wird also automatisch ein*e besserer*e ITler*in. Das bezweifle ich doch sehr stark! Kreativität ist etwa ein massiver Bestandteil in der Programmierung und jener wurde mit diesem Text z.B. überhaupt nicht abgedeckt.

Etwas ironisch war auch der gegebene englische Text, der von Gender-Equality in der IT-Szene handelte. Prinzipiell ist das eine sehr lobenswerte Auswahl des Textes, nur wenn man dann in die Runde geschaut hat und der Anteil an Frauen beim Aufnahmetest geringer war als jener geringe Anteil der im Text schon kritisiert wurde, fühlt sich das schon auch sehr falsch an. Auch sollte es zu denken geben, ob man mit einem Aufnahmetest nicht nochmal die Einstiegsbarriere für Frauen höher legt, um in einen ohnehin schon massiv männerdominierten Bereich eintreten zu wollen.

Und zum Schluss noch ein witziger Side-Fact: Da nur 70 der heute beim Test Anwedenden nicht genommen werden, und beim gleichzeitig stattfindenen Test der Hauptuni 60 Leute zu wenig erschienen sind, könnte man theoretisch im Endeffekt nur 10 Leuten das Informatik-Studium nicht ermöglichen. Traurig aber wahr: Es wird trotzdem 70 Personen nicht gestattet werden das Studium anzutreten.

Onatcer
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20, Mensch des Planeten Erde, amateur photographer, blogger, @soulbottles volunteer
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