Der Moment an dem mich die Creative Commons Realität einholte

Ansatzweise sollte ich hier wirklich den Versuch der kürzest möglichen Beschreibung von Creative Commons waagen, jedoch sollte eigentlich jeder der sich in diesem Internet herumtreibt schon das ein oder andere Mal über dieses Lizenzierungsmodell gestolpert sein (die belehrende Stimme in meinem Kopf nennt mich gerade naiv, die revoltierende kreischt "gib's Ihnen!!!", während sie den nächsten Coup des ewig anhaltenden Tom&Jerry artigen Konflikts austüftelt). Auf jeden Fall: Creative Commons (oft CC abgekürzt) ist eine Sammlung von Lizenzen, die im Wesentlichen relativ frei sind und im Normalfall die Nutzung eines Werkes, aufgrund der Gegenleistung einer Namensnennung erlauben (weitere Einschränkungen ergeben sich aus den verschiedenen Lizenzen, welche beispielsweise mit Restriktionen, was die kommerzielle Nutzung oder die Bearbeitung angeht, versehen sind. Darum gibt es auch so viele verschiedene CC-Lizenzen). Eine grenzt sich allerdings nochmal extra ab: Die CC0 Lizenz. Es ist die freieste CC Lizenz, denn sie fordert nichtmal zur Namensnennung auf. Letztere hab ich im konkreten Beispiel auch verwendet, was allerdings von nicht von allzu großer Relevanz ist.

Weil ich mir selbst gerne einrede ich sei ein unheimlich sozialer Mensch, kommt es von Zeit zu Zeit zu dem unabwendbaren Zustand einer gewissen inneren Inkonsistenz, welche sich nur durch eine scheinbar selbstlose, gesellschaftsverbessernde Maßnahme beheben lässt. Die Veröffentlichung eigener Fotos unter freien Lizenzen, kann man im Sinne der offenen Kultur oder vielmehr der Förderung des freien Zugangs zu Ressourcen, durchaus als solch eine Tat bezeichnen. Diese Experimente erstreckten sich über den gesamten (zugegeben nicht unfassbar breiten) Horizont des Creative Commos Universums. Von CC0 bis zu diversesten relativ unmöglichen Restriktionen, dürfte da wohl fast alles dabei gewesen sein. Üblicherweise liegen meine Fotos auf Flickr, doch ich als sozialer, experimentierfreudiger, naiver Mensch (vermutlich versehen mit einer ordentlichen Portion Langeweile) wollte auch dieses CC0 mal ausprobieren und da Flickr das nicht anbietet, bin ich halt kurzerhand zu Pixabay gegangen. Eine für Creative Commons Verhältnisse (belehrende Stimme: schleich dich mit deinen Verallgemeinerungen, du Idiot) relativ schöne Plattform. Folglich ereignete sich dieses, für geneigte Teilzeit Early-Adopter, nicht unübliche Szenario: Die Plattform wird ein paar Tage benutzt bis man nach jahrelanger Abstinenz durch Zufall wiedermal dort landet (Achtung es könnte auch ein Fehler in der Matrix gewesen sein). Meistert man dann noch das Passwort-Mail-Adresse-Kombinations-Spiel, welches sich als Training der grauen Zellen ideal eigenen dürfte, kommt man in den Genuss ewig alte, verschwunden geglaubte Daten wiederfinden zu dürfen (belehrende Stimme: nach zwei Monaten wär's übrigens echt mal wieder Zeit für ein BackUp deines Macbooks, just saying).

Google Image Search sei Dank konnte ich auch meine Neugier nach der Verwendung des Werkes befriedigen. Doch einige Male fanden sich die handvoll Bilder in den Weiten des Internets. Die Unternehmung der Bildernachverfolgung verlief positiv bis ich auf die Seite http://www.altarwork.com/ stieß (dramatische Musik). Dabei handelt es sich um eine Plattform für kreative Christen (wenn ich das richtig verstanden habe) - die Plattform dürfte sich gerade relaunchen und daher das Bild auch nicht mehr online sein. Vor einigen Wochen allerdings war dies der Fall und es füllte einen großen Teil des Hintergrunds der Seite (revoltierende Stimme: haben die keine eigenen Bilder, sie nennen sich selbst "ARTS COLLECTIVE" verdammt).

Nun muss man verständnishalber sagen: Ich bin kein großer Freund der Kirche. Ja allgemein des Glaubens. Es geht nicht in meinen Kopf hinein, wie Leute solch vollkommen aus der Luft gegriffenen Geschichten einen höheren Stellenwert als jedem anderen Märchen, Sage etc. zusprechen können (belehrende Stimme: Jetzt lass doch die armen Gläubigen in Ruhe; revoltierende Stimme: Fresse!). Aber es soll nicht um meinen Standpunkt gegenüber des christlichen Glaubens gehen. Wichtig ist lediglich, dass dies eine Einstellung ist, die ich absolut nicht nachvollziehen kann und gegen die sich jede Zelle meines Körpers zu wehren versucht. Ob es nun die Kirche ist, oder Esoterik oder sonst irgendeine Gruppierung: Ich denke jeder von uns hat eine oder mehrere dieser starken grundlegenden Abneigungen in sich (revoltierende Stimme: Ja ich hasse z.B. die belehrende Stimme).

Nun liegt da also mein Bild. Auf der Seite einer Organisation die ich absolut nicht unterstützen will. Der Blick auf die Seite führte zu Verzweiflung und doch wusste ich nicht was ich anders machen hätte sollen. Ich habe unabsichtlich eine Organisation unterstützt, gegen die ich tagtäglich argumentiere. Und das mit einem Lizenzmodell, das ich regelmäßig versuche in die Köpfe anderer Kreativer zu bekommen und hinter dem ich eigentlich mit großer Überzeugung stehe.

Ich befinde mich in einer moralischen Zwickmühle, die plötzlich aus der heilen "Wir haben uns alle lieb und sollten uns alles gegenseitig zur Verfügung stellen"-Naivlingswelt entstand. Ohne Vorwarnung. Ohne Anzeichen. Ohne Zeichen auf eine Verbesserung.

Doch damit endet die moralische Zwickmühle noch nicht: Dürfte ich, wenn es möglich wäre, mit reinem Gewissen Organisationen wie beispielsweise der Kirche den Zugang zu meinen Fotos verbieten und trotzdem für den freien Austausch von Kultur, Kunst, Informationen etc. einstehen? (revoltierende Stimme: Wer eine Organisation unterstützt die Krieg geführt hat und es nach wie vor nicht schafft alternative Lebensformen zu akzeptieren, hat schlechtweg nichts besseres verdient) Wer bin ich, dass ich andere aufgrund ihrer Meinung benachteilige? Macht mich das zu einem schlechten Menschen? (Komm ich in die Hölle?) (belehrende Stimme: Ernsthaft?)

Mir war Vieles bewusst, als ich angefangen habe Inhalte unter der Creative Commons Lizenz zu veröffentlichen. Natürlich werden einige vergessen den Urheber korrekt zu verlinken (bei nicht CC0), aber das interessiert mich nicht. Natürlich kann es vorkommen, dass sich einer nicht ganz an die Non-Commercial Klausel hält und dann eben doch ein bisschen Geld rausschlägt, aber das tut mir jetzt auch nicht wirklich weh. Was mir wirklich weh tut, ist wenn meine Werte verletzt werden. Wenn ich mich nicht richtig repräsentiert fühle und einer Richtung zugeordnet werde, die ich absolut nicht vertrete. Die eigene Meinung ist - wie ich finde - eines der höchsten Güter eines Menschens, auch wenn sie ironischerweise von allen Mitmenschen abhängig ist. Mir war einiges bewusst, doch um diese Zwickmühle vorherzusehen, war ich wohl einfach zu naiv.

Shameless-Self-Promotion: Auf meiner Flickr Seite gibt's auch noch jede Menge CC-Bilder (unterschiedlichste Lizenzen): https://www.flickr.com/photos/onatcer/

Onatcer
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20, Mensch des Planeten Erde, amateur photographer, blogger, @soulbottles volunteer
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